Gefangen in der Bulimie – Annas Geschichte

Inhaltsverzeichnis
Triggerwarnung

Anna erzählt hier die Geschichte ihrer Bulimie, aus ihrer ganz eigenen Sicht. Einige Inhalte könnten belastend oder triggernd wirken, insbesondere für Menschen, die selbst betroffen sind oder sich in der Genesung befinden.

Wenn du selbst an Bulimie erkrankt ist, zögere nicht, dir Hilfe zu holen. In meiner psychotherapeutischen Praxis habe ich mich unter anderem auf Störungen des Essverhaltens spezialisiert.

Aber hier kommt erst mal Annas Geschichte:

 

Ich weiß nicht genau, wann es angefangen hat. Vielleicht war es der Moment, als meine beste Freundin in der Schule Komplimente für ihre super Figur bekam, während ich mich irgendwie immer zu dick fühlte. Vielleicht war es diese Diät, die dazu führte, dass ich hinterher nur noch mehr wog als vorher. Oder vielleicht war es der Abend, an dem ich nach einem viel zu großen Essen vor dem Spiegel stand, angewidert von mir selbst, und eine Lösung suchte.

Ich war 17, als ich mich zum ersten Mal nach dem Essen übergab. Ich hatte viel gegessen – zu viel. Mein Magen war zum Platzen voll, und ich hasste mich dafür. Mein Herz raste, ich schwitzte, Panik stieg in mir auf, ich schämte mich so sehr vor mir selbst. Und dann kam die Idee. Ich kniete mich vor die Toilette, steckte mir die Finger in den Hals – und plötzlich war da Erleichterung. Es war, als hätte ich die Zeit zurückgedreht, als könnte ich ungeschehen machen, was gerade passiert war.

Von da an wurde es zur Gewohnheit. Erst nur selten, dann immer öfter. Nach jeder großen Mahlzeit, dann nach fast jeder Mahlzeit. Immer öfter hatte ich richtige Essanfälle, bei denen ich mir alles reinstopfte, was „ungesund“ war. Bis mir übel war. Dann der gewohnte Gang zur Toilette, um alles wieder loszuwerden. Danach kam die Scham und das Gefühl, eine absolute Versagerin zu sein. Es war so würdelos, dieses Fressen, und dann das Kotzen. Trotzdem dachte ich, ich hätte alles unter Kontrolle: Ich konnte alles essen, ohne zuzunehmen! Aber in Wirklichkeit war Essen längst schon kein Genuss mehr. Ganz im Gegenteil. In Wirklichkeit hatte die Bulimie mich längst fest im Griff.

Leben im Verborgenen

Nach außen hin war ich immer noch Anna – die fleißige Schülerin und später Studentin, die lustige Freundin, die liebe Tochter. Niemand ahnte, was in mir vorging. Ich lernte, meine Spuren zu verwischen. Ich kaufte heimlich Unmengen von Süßigkeiten und Knabberzeugs. Nach einem Fressanfall ließ ich im Bad das Wasser laufen, wenn ich mich übergab, putzte mir sofort die Zähne, sprühte Parfüm in die Luft. Ich log, wenn jemand fragte, warum ich nach dem Essen so schnell verschwinde. Es blieb mein Geheimnis; es war viel zu peinlich, um es jemandem zu erzählen.

Schließlich wurden meine Zähne empfindlich, meine Haut wurde fahl, ich hatte verstärkten Haarausfall. Ich hatte ständig Kopfschmerzen, mein Herz stolperte manchmal, und ab und zu wurde mir sogar schwarz vor Augen. Mein Magen schmerzte, mein Hals brannte, mein Körper war erschöpft. Aber aufhören? Daran war nicht zu denken. Die Angst vor der Gewichtszunahme war einfach viel viel viel zu groß.

Ich zog mich zurück. Verabredungen wurden schwierig, denn ich hatte große Angst, dass jemand merken würde, was mit mir los ist. Geburtstagsfeiern, Restaurantbesuche, Urlaube – alles fühlte sich an wie eine Bedrohung. Ich verlor mich selbst in dieser Krankheit. Eigentlich bestand mein Leben nur noch aus Essen, Kotzen und der Frage, wie ich das alles vor meinem Umfeld weiterhin verbergen konnte.

Der Tiefpunkt

Ich erinnere mich an eine Nacht, in der ich völlig verzweifelt war. Ich hatte mich wieder einmal bis zur absoluten Übelkeit überfressen und rannte danach wie immer ins Bad. Doch dieses Mal war es anders. Mein Körper wollte nicht mehr. Ich versuchte es wieder und wieder, aber es ging nicht. Mein Hals brannte, meine Augen tränten, und ich schluchzte vor dem Spiegel. „Was mache ich hier?“ dachte ich. Ich war müde. Unendlich müde. Ich hatte das Gefühl, mein eigener Schatten zu sein, eine Hülle ohne Leben.

Aber selbst in diesem Moment konnte ich mir nicht vorstellen, aufzuhören. Die Fressanfälle hatte ich nicht unter Kontrolle, und wie würde mein Körper bald aussehen, wenn ich mich nicht mehr erbrechen würde? Das war für mich vollkommen unvorstellbar.

Der Weg hinaus

Schließlich lernte ich bei einem Praktikum Regina kennen. Regina und ich möchten uns auf Anhieb und wurden bald beste Freundinnen. Regina war es, die mich eines Tages darauf ansprach, warum ich nach dem Essen immer so schnell für einige Zeit verschwinde. Nachdem ich ihr meine üblichen Ausreden vorgelogen hatte, erzählte mir Regina, dass sie früher mal an einer Bulimie erkrankt war und fragte mich ganz direkt, ob es sein könnte, dass ich vielleicht auch betroffen bin. Da brachen bei mir alle Dämme, und endlich endlich endlich konnte ich darüber reden – mit einer Person, die genau wusste, wie es mir ging. Das war so unendlich wohltuend und erleichternd. Vor Regina musste ich mich nicht schämen, und sie fand immer die richtigen Worte für mich. Und so fasste ich den Entschluss, dieser beschissenen Krankheit den Kampf anzusagen. Es wurde der schwerste Kampf meines Lebens. Ich musste lernen, meinen Körper nicht als Feind zu sehen. Ich musste die Angst vor dem Essen besiegen, lernen, meine Gefühle anders zu bewältigen als mit Fressanfällen und Erbrechen. Ich musste mich meiner Scham stellen, mir selbst verzeihen.

Es gab Rückfälle, Tränen, Wut. Aber es gab auch Hoffnung. Ich suchte mir Hilfe – und das war die beste Entscheidung meines Lebens. Stück für Stück fand ich zu mir selbst zurück.

Heute weiß ich: Die Bulimie hat mir Jahre meines Lebens gestohlen. Aber ich habe sie besiegt. Heute bin ich in der Lage, Essen wieder als Genuss zu erleben. Bis dahin war es zwar weiter Weg, aber ich habe es geschafft, und ich frage mich, warum ich mir nicht schon viel früher Hilfe geholt habe. Ich bin Regina so unendlich dankbar.

Und wenn du das hier liest und dich in meinen Worten wiederfindest – dann will ich dir sagen: Du bist nicht allein. Es gibt einen Weg, heraus aus der Krankheit. Und du kannst ihn gehen. Bulimie ist heilbar.